Donnerstag, 12. September 2019

Mobilfunk in Deutschland - Wenn sich alle im Weg stehen wird es schwer


Was müssen meine müden Augen da lesen? Bundesminister Andreas Scheuer ist voller Optimismus:
„99 Prozent der deut­schen Haus­halte werden bis Ende 2020 unter­brechungs­frei tele­fonieren und surfen können - dafür haben wir jetzt die rechts­verbind­liche Zusage der Mobil­funk­betreiber. Mehr als 1400 neue Mobil­funk­masten werden dazu errichtet. Das ist ein klares Signal, dass der Mobil­funk­ausbau in bislang unter­versorgten Regionen mit voller Kraft voran­getrieben wird“.
1400 neue Masten? Weiß der Mann wovon er redet? Bezüglich der unterversorgten Regionen kann ich gut mitreden. Immerhin wohne ich quasi mittendrin. Zu Hause haben zwar alle drei Anbieter mittlerweile 4G Indoor anliegen, aber da brauche ich es in der Regel ja nicht. Wenn es dann mit dem Hund zum etwas ausgedehnten Gassi- oder Spaziergang geht, wird die Unterversorgung mächtig spürbar. Auf der fünfminütigen Fahrt zum Parkplatz unseres Lieblingswäldchens hören wir zwar durchgehend unsere Musik über Spotify, das aber nur weil der Puffer groß genug eingestellt ist. Ansonsten wäre das Vergnügen kurz nach dem Ortsschild zu Ende. Der Signalempfang beider Handys (1. Telekom, 2. Sigate bzw. O2) ändert sich rasant von LTE zu Edge. Bei der Telekom erstaunlicher weise schneller als bei Sipgate. HSPA gibt es augenscheinlich in diese Richtig gar nicht mehr. Und wenn man weiß, dass 2016/2017 dort alle Bürgersteige aufgerissen waren um Glasfaser zu verlegen kann auch niemand mehr erzählen, es liege an fehlender Verbindungsmöglichkeiten möglicher Basisstationen.

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Also noch mal zurück zu Scheuers 1400 neuer Mobilfunkmasten. Irgendwas kann da nicht passen. So schreibt die Telefonica auf ihre eigenen Seite etwas von 10.000 LTE-Aufrüstungen, was ich auch glaube. Und Telefonica schreibt eindeutig etwas von "bessere Flächenversorgung", was ich ebenfalls glaube. Immerhin gab es hier bis vor ein paar Wochen weit und breit kein 4G von O2 zu empfangen. Das hat sich mittlerweile geändert. Aber Flächenversorgung im eigentlichen Sinne ist das immer noch nicht. Aber schauen wir mal.. Was steht im Vertrag?

Der Vertrag enthält u.a. folgende Punkte:

"Mit einer Versorgung von 99 Prozent der Haushalte (nicht der Fläche) bundes­weit bis Ende 2020 und 99 Prozent der Haushalte in jedem Bundes­land (damit müssen auch die dünner besie­delten Bundes­länder besser ausge­baut werden, bis 2021 wird sich die Versor­gung gerade in länd­lichen Räumen schnell und spürbar verbes­sern. Die Koope­rationen der Mobil­funk­betreiber unter­einander wird gestärkt und so die finan­zielle Belas­tung des Aufbaus geteilt: Insge­samt werden bei einem Vertrags­schluss mit allen vier Mobil­funk­netz­betrei­bern in Summe mindes­tens 1400 zusätz­liche Mobil­funk­masten errichtet, die für eine Nutzung durch jeden Betreiber offen stehen. Der Bund unter­stützt die Mobil­funk­netz­betreiber im Gegenzug mit den in den Verträgen nieder­gelegten Zahlungs­erleich­terungen im Nach­gang zu der 5G-Frequenz­verstei­gerung. Zusätz­lich zu den im Vertrag fest­gelegten Ausbau­zusagen wurden im Zusam­menhang mit der 5G-Auktion weitere Ausbau­ziele verein­bart.. 
  1. bis Ende 2022 alle Bundes­auto­bahnen mit mindes­tens 100 MBit/s und höchs­tens 10 Milli­sekunden (ms) Latenz, 
  2. bis Ende 2022 die Bundes­straßen mit Verbin­dungs­funk­tions­stufen 0 / 1 mit mindes­tens 100 MBit/s und höchs­tens 10 ms Latenz, 
  3. bis Ende 2024 alle übrigen Bundes­straßen mit mindes­tens 100 MBit/s und höchs­tens 10 ms Latenz, 
  4. bis Ende 2024 alle Landes- und Staats­straßen mit mindes­tens 50 MBit/s, 
  5. bis Ende 2024 die Seehäfen sowie das Kern­netz der Wasser­straßen im Binnen­bereich mit mindes­tens 50 MBit/s, 
  6. bis Ende 2022 die Schie­nenwege mit mehr als 2000 Fahr­gästen pro Tag mit mindes­tens 100 MBit/s, 
  7. bis Ende 2024 alle übrigen Schie­nenwege mit mindes­tens 50 MBit/s zu versorgen, sowie 
  8. "5G-Basis­stationen" und 500 Basis­stationen mit mindes­tens 100 MBit/s in "weißen Flecken" bis Ende 2022 in Betrieb zu nehmen"
Wenn also alleine Telefonica 10.000 LTE-Aufrüstungen erledigen will und dabei in die Fläche geht, wird das Geschreibsel mit den 1400 Masten nicht viel wert sein. Selbst wenn Telefonica 80% Nachrüstung bestehender Standorte erledigen kann, bleiben 20% Neubauten. Also allein für Telefonica mehr als 2000 neue Stationen. Nehmen wir auch noch an, 50% davon könnten mit Kleinzellen an Hauswänden, Werbesäulen oder an sonst welchen bestehenden Gebäuden realisiert werden, sind das immer noch 1000 neue Standorte die einen Mast brauchen. Will man die bestehende Netzstruktur nicht komplett neu planen, können solche Standorte auch nicht mit Mitbewerbern gemeinsam genutzt werden. Jeder fährt da - schon aufgrund der Frequenzaufteilung und topologischer Gegebenheiten - eine eigene Strategie die gemeinsame Standorte nicht erlaubt. Mit Scheuers 1400 Masten kommen wir also nicht weit. Aber das ist gar nicht das eigentliche Problem. Immerhin stehen gerade in der Fläche massenhaft Überland-Strom-Masten rum. Das ist also viel Potenzial.

umstürzende Bäume und keine Notrufmöglichkeit
Kommen wir zwischenzeitlich zu dem Spaziergang mit Hund durch den Wald zurück. Ab dem Waldparkplatz hat sich die mobile Verbindung auf Edge reduziert. Sei es bei der Telekom, O2 oder Vodafone. Wer Telekom- und Vodafone-Edge-Verbindungen kennt der weiß, da geht nichts mehr außer Telefonie. Mit O2 zumindest noch etwas Text per WhastsApp oder Telegram. Doch schon wenige Schritte in den den Wald beendet auch das. Aus dem "E" wird ein "R" und dann ein "NIX". Egal in welchem Netz. Das fiel mir erst auf, als ich über den Wegeverlauf im Wald nicht ganz im Bilde war und einen Blick auf Google Maps mit Satelitenansicht werfen wollte. Die Karte hätte ich mir vorher runterladen sollen. Und irgendwie verleiht die Erkenntnis, sich 2019 an einem Punkt in Deutschland zu befinden an dem keinerlei Notrufe möglich sind so eine Art Pioniergefühl. Das hat ja schon was Draufgängerisches. Wenn da nicht gleichzeitig die Erkenntnis aufkeimen würde, dass die 69 Euro Jahresgebühr für das Hunde-GPS-Trackig-Dingsbumms genau dort überflüssig sind, wo es eigentlich eingesetzt werden sollte. Das Ding kann natürlich eben sowenig seinen Standort mitteilen wie das Handy. Trotz National-Roaming. Auf der Rückfahrt vom Waldparkplatz setzte dann ca. 50 Meter vor dem Ortseingangsschild auch Spotify seine Musikspielerei fort. Erschreckend ist, dass dazwischen noch eine Jugendherberge liegt. Was machen die eigentlich so notruftechnisch bei Stromausfall im IP-Telefoniezeitalter?

Kommen wir aber nun zum eigentlichen Problem mit den Funknetzen. Der Bürokratie.

Für den Betrieb einer Basisstation wird eine Standortbescheinigung benötigt. Die Bundesnetzagentur erteilt diese Bescheinigung nur, wenn die Grenzwerte im öffentlich zugänglichen Bereich um die Antennen herum eingehalten werden. Dazu müssen die Betreiber sämtliche Betriebsdaten (Bauplan, Antennen, Sendeleistung und Senderichtung) einer neuen Anlage der Behörde vorlegen. Diese berechnet daraus den Sicherheitsabstand, der für die Einhaltung des gesetzlich festgelegten Grenzwertes erforderlich ist. Dabei berücksichtigt sie auch elektromagnetische Felder bereits vorhandener Sendeanlagen in der Umgebung. Erst wenn die Bundesnetzagentur die Betriebserlaubnis erteilt hat, darf eine Anlage in Betrieb genommen werden. Die Behörde prüft unangemeldet, ob die technischen Werte bestehender Sendeanlagen mit den Angaben in der Standortbescheinigung übereinstimmen. Und das natürlich bevor eine Station im Betrieb gehen darf. 


Da der Ausdruck "Nomen est Omen" oftmals zutreffend ist, passt das in meinem Fall absolut optimal (wer jetzt nix versteht, schaut bitte ins Impressum). Als Kind hatte ich mir mein eigenes Telefon ins Kinderzimmer verlegt, als Jugendlicher natürlich alles von CB- bis Amateur-Funk am Start und bei der Bundeswehr gefiel es einem Entscheider mich in das Fernmelde-Bataillon 810 zu verfrachten (Bundeswehrler wissen wie lustig ich dort in der Zeit der Grundausbildung angesprochen wurde). Also wurde Fernmeldetechnik und Datenverarbeitung nicht nur mein Steckenpferd sondern auch zu meinem Beruf. In dieser Eigenschaft war ich auch Anfang der '90er Jahre bei einem Unternehmen beschäftigt das sich 'Mannesmann Mobilfunk' nannte. Die etwas Älteren wissen, dass Vodafone den Laden ziemlich unsanft übernahm und das hübsche D2-Logo gegen das Vodafone-Auge ersetzte. Und wie das Leben so ist, wurde ich auch irgendwann einmal zur Telekom gespült, wo ich 2012 ziemlich entnervt aus dem Beruf ausstieg und ihn heute nur noch als Hobby betreibe.

Ich kann also wirklich versichern, dass die Netzplaner bei den Mobilfunkern keine Nasenbohrer sind und ihren Job verstehen. Ganz sicher besser als die "Experten" der BNetzA (Bundesnetzagentur) die neue Mobilfunkanlagen vor der Inbetriebnahme absegnen müssen. Folglich haben wir hier eine überflüssige Behördenbürokratie die nicht nur Geld sondern auch Zeit kostet. Meinetwegen kann die BNetzA neue Anlagen nach ihrer Inbetriebnahme auf die Einhaltung aller Auflagen prüfen und im Verstoßfall Nachbesserung einfordern. So würde es den Planungs- und Aufbauablauf der Mobilfunkunternehmen nicht behindern. Wie es aktuell läuft stehen sich hier Forderung der Politik und Auflagen der Bürokratie im Wege. Die Mobilfunkunternehmen in Deutschland anzugreifen und für die miese Netzabdeckung verantwortlich zu machen ist also in den meisten Fällen falsch.
Alte Femtozelle als Beispiel
Hinzu kommen dann auch noch die typischen "Anti-Initiativen" der Bedenkenträger, Aluhutträger und Generalfortschrittssverweigerer, die Genehmigungsverfahren mittels Klagen unendlich in die Länge ziehen können. Und dann gibt es noch "Egoisten", die ihre Infrastruktur nicht zugänglich machen wollen. Zwei Beispiele:

  1. An einem möglichen und sinnvollem Standort besteht eine ausreichend bis überdimensionierte kabelgebundene Anbindung, allerdings keine oder nur schlechte Mobilfunkversorgung. Hier würde es sich anbieten eine "Kleinstzelle" oder sogenannte "Femtozelle" zu installieren und über die Kabelanbindung zu versorgen.
  2. Die Deutsche Bahn hat entlang ihrer modernden Bahntrassen durchgehend Glasfaserleitungen verlegt über die allerdings nur rudimentäre Informationen zur Strecke, Signalanlagen und Stellwerke übertagen werden. Dabei kann nicht einmal von einer Minimalauslastung gesprochen werden. Im Grunde hätte dafür auch Klingeldraht gereicht. 

Das das auch grundsätzlich anders gehen kann beweißt der Schweizer Mobilfunkanbieter "Sunrise" der gerade mit seinem "5G for People" massenhaft Kleinstzellen bei den Eidgenossen installiert und damit eine Versorgung herstellt, die einzelne individuelle Kabelanschlüsse überflüssig macht.

In Deutschland würde bei einem solchen Projekt der "Bedenkenträger" den Bundesgerichtshof zitieren:
"Eine Wohnungseigentümergemeinschaft darf nicht mehrheitlich gegen den Willen Einzelner die Errichtung einer Mobilfunkanlage auf dem Hausdach beschließen. Das entschied der Bundesgerichtshof (Aktenzeichen: V ZR 48/13)"
wobei das Dach auch eine Wand und eine Eigentümergemeinschaft auch ein beliebiger Eigentümer sein kann. Allenfalls würde das Projekt hier scheitern, da es - durch solche Behinderungen - nicht flächendeckend geplant werden kann. Also auch hier können die Mobilfunker nicht verantwortlich gemacht werden. Der Wille ist da; nur müssten auch alle mitspielen.

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Mit Ausnahme von Telefonica (O2) müssen sich die Mobilfunkunternehmen allerdings eine Kritik gefallen lassen; die Abschirmung ihrer Vermittlungs- und Streckentechik gegenüber "Mitspieler". Der eigentliche Funkanteil zwischen den Basisstationen und den Geräten der Endkunden ist ja nur ein kleiner Teil der Verbindung von einem zum anderen Ende. Dazwischen liegt ein Haufen Carriertechnik. Die sogenannten "Core-Netze". Warum nur E-Plus (und damit heute O2 bzw. Telefonica) seine Antennen- und Basisstationen auch für einen anderen, hochinnovativen Player im Telefoniegeschaft - nämlich Sipgate - öffnete, mag historische Gründe haben.

Als Bundespostminister Wolfgang Bötsch der E-Plus-Gruppe (VEBA Telecom, RWE Telliance, Thyssen Telecom und BellSouth) 1993 eine Mobilfunklizenz für DCS 1800 (1,8 GHz) erteilte, funkten Telekom (D1) und Mannesmann Mobilfunk (MMO D2) im Frequenzbereich um 900 MHz, der physikalisch durch die längere Welle eine fast doppelte Reichweite und bessere Durchdringung hatte als der Frequenzbereich um 1800 MHz. Hinzu und dadurch durften D1 und D2 deutlich höhere Sendeleistungen an ihren Basisstationen und Kundenendgeräten betreiben als die E-Plus-Gruppe im 1,8 GHz E-Netz. E-Plus war somit gezwungen, eine wesentlich höhere Dichte an Basisstationen aufzubauen als die Mitbewerber. Da es jedoch mit dem Aufbau von Sende- und Empfangstationen nicht getan ist (die müssen natürlich mit der/den Vermittlungsstelle(n) verbunden werden), suchte E-Plus schon immer nach Innovationen für ihr Netz. Als 2002 der niederländische Telefonkonzern KPN gegen den Tausch von BellSouth-Anteilen (ich will hier nicht ins Kaufmännische abdriften) die gesamten Anteile an E-Plus übernahm wurden die Bemühungen, innovative und neue Möglichkeiten für das Kernnetz (das Netz zwischen den Basisstationen) zu finden, intensiviert. Ziemlich zeitgleich setzte sich mehr und mehr Voice over IP (VoIP) durch. Insofern lag es nahe das E-Plus-Core-Netz sukzessive auf die selbe Carriertechnik (Vermittlungstechnik) umzurüsten. So kam es, dass ca. 2006 schon alle E-Plus-Rufnummern theoretisch (und auch praktisch, wenn man wusste wie) über eine sogenannte "SIP-URI", also eine Internettelefonieadresse zu erreichen waren.

Das E-Plus-Netz war also sozusagen als erstes Mobilfunknetz vollständig VoIP-Kompatibel, was nicht weniger bedeutet, als das mehrere Core-Netze die Vermittlungslast über verschiedene Strecken aufteilen konnten. Das verhalf E-Plus zu der damalig so tollen und schnellen Verbindungsqualität. Technisch sprach also nichts dagegen, einen Partner mit einem eigenen Core-Netz die Basisstationen von E-Plus benutzen zu lassen. Selbstverständlich musste dieser "Partner" über eine äußerst leistungsfähige Vermittlungstechnik verfügen. Über eine solche Vermittlungstechnik verfügt Netzquadrat. Allerdings arbeitet Netzquadrat nur als Carrier, also für den Endkunden kaum sichtbar, verfügt jedoch über eine Tochtergesellschaft die bereits seit 2001 als BigPlayer im VoIP-Geschäft bekannt ist. SIPGATE. Was Sipgate fehlte war ein Mobilfunknetz, während E-Plus ein weiteres Core-Netz gebrauchen konnte. Und so kam zusammen, was zusammen gehört. Sipgate erschuf die Marke "Simquadrat", schloss die entsprechenden Verträge mit E-Plus und stieg somit als vollwertiger Netzbetreiber (mittels der Netzquadrat-Carriertechnik) erfolgreich ins Mobilfunkgeschäft ein. Nicht als Discounter, sondern eben als selbständiger Netzcarrier. Während E-Plus zu O2 wurde, wurde Simquadrat ein Teil von "Sipgate-Team" und vereinheitlichte klassisches VoIP mit Mobilfunk. Und während die Telekom und Vodafone diese Entwicklung verpassten und im Anschluss alles mit VoLTE und eSIM völlig verkomplizierten und intransparent machten, legte Sipgate mit einer neuen Anwendung für iPhone und Android das Sahnehäubchen obenauf. Das nennt sich "satellite" und ersetzt quasi die klassische Telefonie über die Mobilfunk-Sprachnetze. Aber das könnt ihr selbst lesen. Klickt auf den Link.

Fazit: Zwar verpassten Telekom und Vodafone innovative Möglichkeiten, doch maßgeblich behindert die Politik durch Bürokratie ihre eigene Forderung nach mehr und schnelleren mobilen Datennetzen. 

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