Samstag, 5. Oktober 2019

Wo kommen wir eigentlich hin, wenn jeder einfach so seine Meinung äußern kann?


Die Frage ist durchaus ernst gemeint. Als das Grundgesetz die "freie Meinungsäußerung" als grundlegendes Recht des Bürgers garantieren sollte, hat doch niemand damit gerechnet, dass dies auch tatsächlich eines Tages möglich sein könnte. Was hat sich das "Grundgesetz" denn so vorstellt? Tante Ernas Meinung über Politik beim Kanaster-Abend? Bergwerkkumpel Georgs Gelalle am sonntäglichen Stammtisch? Viel mehr kann da nicht auf dem Entwurf gestanden haben, denn eine "Speakers Corner" wäre in Deutschland schon genehmigungspflichtig. Das "Versammlungsrecht" hatte ja auch nichts mit dem "Demonstrationsrecht" zu tun. Das wird ja bis heute immer verwechselt. Alles, was "angemeldet" werden muss, wird eigentlich erst durch eine Antwort der betreffenden Behörde "angemeldet". Alles Andere wäre eine "Bekanntgabe", keine "Anmeldung". Wenn eine Demonstration also - aus welchen Gründen auch immer - angemeldet werden muss, handelt es sich doch praktisch um einen Genehmigungsantrag. Keine Antwort der Behörde bedeutet doch schon quasi die Nichtgenehmigung. Das eine Demo auch untersagt werden kann - aus welchen Gründen auch immer - muss nicht extra erwähnt werden. Am Ende entscheidet immer irgendeine Behörde darüber ob eine Demo stattfindet oder nicht. Und wenn am Ende die Polizei eine "unangemeldete Demo" auflöst, kann auch nichts dagegen unternommen werden. Wir dürfen also getrost davon ausgehen, dass die "Verfassung" - als demokratische Lackierung der plutokratischen Bundesrepublik - jedem seine Meinung zugesteht. Solange sie dort bleibt, wo sie sein soll. Im kleinen kontrollierbaren Kreis. Wobei das auch nicht für jede Meinung gilt. Immerhin relativiert das Strafrecht das Grundrecht. Das klammert dann schon "abweichende Ansichten" über die Deutsche Historie zwischen 1933 und 1945 "strafbewehrt" aus. Das alleine könnte schon über die Ernsthaftigkeit der zugesicherten "Meinungsfreiheit" Aufschluss geben. Solange ein paar "alte Säcke" am Stammtisch sich konspirativ "Meinungen" dazu zuflüstern, sind noch keine Geschichtsbücher gefährdet. Aber am 8. Mai 1949 hat doch niemand mit einem "Internet" gerechnet.

Das ein  J. C. R. Licklide zu Beginn der '60er Jahre ausgerechnet zur "Advanced Research Projects Agency" (ARPA) wechselte und seine krude Idee, dass Time-Sharing eine effiziente Verwendung von Computerressourcen darstelle, mitbrachte, löste noch keine Sorge aus. Hat ja auch in Deutschland niemand mitbekommen. Und wenn doch, konnte man damit nichts anfangen. Und überhaupt; was hätte das mit den Stammtischen in Deutschland zu tun?! Zu der Zeit stellte hier die Post erste Telefonzellen außerhalb der Ballungsgebiete auf, von der die Frauen vielleicht in der Kneipe anrufen konnten, um ihre Männer daran zu erinnern, am Ersten des Monats nicht die halbe Lohntüte zu versaufen. Schließlich wollte die Familie noch auf ein Radio sparen. Fernsehgeräte waren für normale Privatleute soweit weg, wie Computer für die Industrie. Rundfunk heißt ja nicht von ungefähr so (Info für die Generationen Y und Z). Der fand an einem Radio für die ganze Familie (und ggf. auch Nachbarschaft) statt. Nur wer einen Superbonzen kannte, konnte dort vielleicht mal "fernsehen". In schwarzweiß und bis zum 1. April 1963 auch nur ein einziges Programm zwischen Nachmittags und Mitternacht. Ich kann mich daran erinnern, dass meine Großeltern (immerhin war der Opa schon Leiter einer Sparkassenfiliale) erst zwei Jahre vor der Mondlandung ein TV-Gerät bekamen. Ungefähr zur selben Zeit zog dort auch ein eigener Telefonanschluss ein. "Datenverarbeitung" gab es zu der Zeit nur von "Bleistift", Pelikan und später Geha. 😂😂

Wie alt die Generation X heute ist, fühlt man z.B. daran, wie lange in der Zeit vorgespult werden kann, ohne dass die nachfolgende Generation eine Ahnung hätte, was ich mit "Compuserve" meinen könnte. Oder zuvor mit "C-64", "C-128", "C-128D", "Amiga", "BASIC", "Atari ST", usw..  Also bis in den späten Anfang der '90er Jahre. Zumindest in Deutschland hatte der Computer ganz schlechte Karten an einem Netzwerk außerhalb der eigenen vier Wände teilzunehmen, liebe Generation Y. Etwas anderes als das "BTX" der Post an die Telefondose anzuschließen war eine reale Straftat. Ergo waren viele von uns "Outlaws", denn natürlich hatten wir keine Lust auf "Akustikkoppler". 😂😂 Seht euch unbedingt das Video ganz an:



Das Internet ist tot. Lang lebe das IoT - Warum Facebook der Anfang vom Ende ist


Jetzt aber Schluss mit der Historie, auch wenn zu der Zeit die ersten privaten Webseiten erschienen. Damals noch jede Zeile von Hand in HMTL geschrieben, aber immerhin konnte der Privatmensch (wenn er es sich leisten konnte und wollte) eine Domain registrieren lassen und quasi alles veröffentlichen, was er wollte. Das hat keine Sau gejuckt, weil es niemand gefunden hatte. Denn ohne Suchmaschinen musste man "seine Webseite" noch selbst bekannt machen. Das fand meist nur in kleinen Kreisen statt und hatte minimale Reichweite. Und selbst als die ersten "Register" erschienen (Altavista, Yahoo, ect.), wo Webseiten noch selbst "angemeldet" werden mussten, ging der eigene Webauftritt in der Masse an US-Seiten und dem allgemeinen Chaos unter. Gefunden wurde da nur etwas, wenn auch wirklich explizit danach gesucht wurde. Das wurde auch mit Googles Erscheinen kurz nach der Jahrtausendwende zunächst nicht besser. 2001 war Google noch ein winziger Player, dem nicht viel Zukunft prognostiziert wurde. Wer zu dieser Zeit Google-Aktien kaufte, galt als total bescheuert. Heute haben sich die Werte vertausendfacht und darüber hinaus.

Aber selbst Google wurde nicht zur Gefahr für die Meinungsfreiheit. Auch wenn es mittlerweile massenhaft Webseiten mit Kritik an allem Möglichen gab; es war nie eine Gefahr für den linearen Mainstream. Das begann eigentlich erst mit einem weitern großen US-Internetdienst der nach Deutschland schwappte. MySpace. Ursprünglich für die Künstlerszene konzipiert war mit MySpace zum erstem mal das Potenzial vorhanden, dass nicht nur wirklich jeder Depp schnell seine Webseite zusammenklicken konnte, MySpace konzentrierte diese Auftritte auch unter einem Dach und damit wirklich auffindbar. vorname.Nachname.myspace.com oder thema.sowieso.myspace.com machte es möglich. Dazu die Möglichkeit für jeden Besucher Kommentare zu hinterlassen schuf quasi ein erstes "Meinungsportal". Ab hier begann die Gefahr für die Allgemeingültigkeit aller, durch die offiziellen Medien besetzten, Themen. Aus der Öffentlichkeit aller Kommentare entwickelten sich breite Linien und Trends.

Vermutlich war es so, dass die Brüder Brüder Cameron und Tyler Winklevoss 2003 eben diese Auffindbarkeit von persönlichen Profilen und Kommentaren als Essenz aus MySpace weiter entwickelten und Mark Zuckerberg ihnen den Programmcode oder zumindest die Idee klaute. Diese Variante der seltsamen Gründungsgeschichte von Facebook gefällt mir persönlich am Besten. Aus vielen Protokollen ergibt sich für auch eine gewisse Schlüssigkeit der Geschichte. Aber das ist hier völlig egal.


Mit der endgültigen Version von Facebook - konzentriert auf die Kombination von öffentlicher Pinnwand und Timeline mit der persönlichen Vernetzung - wurde die Büchse der Pandora einen Spalt aufgestoßen. Die öffentliche Diskussion im Mittelpunkt einer Internetplattform, zu der jeder Zugang hat, ist für die Meinungsbildung innerhalb einer Nation und darüber hinaus ein maßgebender Faktor geworden und demokratisch nicht mehr zu kontrollieren. Das Google mit Youtube dazu noch ein Videohosting für Jedermann betriebt akkumuliert die Situation. Ab hier muss die plutokratische Struktur des Staates eingreifen und wieder richtungsbestimmend werden. Ansonsten riskiert der Staat den Kontrollverlust über die Meinungshoheit. Wäre er tatsächlich demokratisch, könnte er der Entwicklung ihren Lauf nehmen lassen. Ist er aber nicht. Und Basisdemokratie über das Internet ist überhaupt nicht in seinem Sinne. Die staatliche Zensur ist eine logische Folge. Aber die Struktur des Internet lässt das Ausweichen zu. Wenn Facebook an Bedeutung verliert und sich die Diskussionen und Informationen wieder dezentral verteilen, verliert der Staat endgültig die Kontrolle. Und genau das erleben wir gerade.

Facebooks Zensur und Sperrungen lösen gerade die nächste Welle der Eskalation für den Staat aus. Das Selbe trifft auf YouTube zu. Die Schaffung neuer, unzensierter Portale und Plattformen (z.B. über Auslandsserver) wird dem Staat früher oder später keine Wahl lassen, als die Infrastruktur selbst zu zensieren. Also das Internet als Ganzes.

Wir befinden uns also gerade am Scheideweg. Noch schaffen es die Plutokraten uns zu separieren. In Links und Rechts; neuerdings in alt und jung. Noch ist das Internet also ein nützlicher Battleground. Sobald das jedoch in den Untergrund abwandert und der Staat seine Lenkungsmöglichkeiten verliert, wird er uns das Netz abschalten. Oder besser andersherum.., er wird uns für das Netz abschalten. Denn bald braucht uns das Netz nicht mehr. Das hat bald seine Things. Und dann ist es nur noch ein Maschinennetz. Ein IoT.

Also.., vielleicht bis später.. Vielleicht nicht mehr lange, oder vielleicht nur noch im DarkNet. Wenn wir eine Maschine hacken, die uns dann rein lässt..

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